Frau K. aus der nähe von M.

Frau K. aus der Nähe von M. schreibt sehr gerne. Und Frau K. aus M. kocht sehr gerne. Und am liebsten schreibt Frau K. aus der nähe von M. übers Kochen. Leider traut sich Frau K. aus der nähe von M.  nicht selbst einen Blog zu erstellen und ihre Texte online zu stellen. Deswegen bekommt sie bei mir nun die Gelegenheit ihre Texte vorzustellen.

Beginnen wollen wir diese kleine Reihe mit einem Text über den rheinischen Sauerbraten (nicht vom Pferd *zwinker zwinker*)

 

Sauerbraten

Eine kleine Prozession mühte sich die steile Treppe hinunter: voran mein Großvater, kopfschüttelnd ob des ganzen Aufwands, der Hindernisse aus dem Weg räumte, Nachbarn warnte und Türen öffnete; hinter ihm meine Großmutter, die vorsichtig den Bräter balancierte. Dahinter hangelte sich meine Urgroßmutter, die für den Braten verantwortlich war, ihn aber nicht tragen konnte, vorsichtig von Stufe zu Stufe. Der Braten wurde in die Küche geschleppt, vorsichtig zerlegt, auf einer Porzellanplatte mit Goldrand angerichtet und triumphal in die Mitte des Sonntagstisches arrangiert. Der Tisch war eigentlich rund, aber ob der Gästezahl in der Mitte um ein Viereck ergänzt worden, so dass nun keine Tischdecke richtig passte und die Großmutter in der Flurtür saß – näher zur Küche, wie sie selbst sagte. Der Braten dampfte nicht, sondern wartete würdevoll auf Esser. Behutsam tasteten wir uns durch die Beilagen – Salzkartoffeln, Rosenkohl mit Speck, Kartoffelklöße, und versuchten, anhand der Bratensoße eine erste Ahnung vom Säuregehalt des Bratens zu bekommen. Der Braten – „Rind, nicht Pferd“ augenzwinkerte meine Urgroßmutter verschwörerisch – hatte drei Wochen im Kühlschrank in einer mysteriösen Marinade gelegen, die vorrangig Essig, Zwiebeln und Rosinen enthielt, aber auch exotische Zutaten wie Pfefferkörner, Lorbeerblätter und das äußerst dubiose Piment. Anschließend war er solange im Ofen gebraten worden, dass die Urgroßmutter um sechs Uhr aufstehen musste, um ihn rechtzeitig abholen lassen zu können. Wenn die Zunge unvorbereitet auf das zarte Fleisch traf, das fast schwarz war und faserig unter einer hauchdünnen knusprigen Kruste, und Soße und Fleisch zu einer sauer-süß-scharfen Wolke explodierten, entglitten die Gesichtszüge, während der Esser versuchte zu ergründen, ob essbar oder nicht und gleichzeitig die erste Ahnung des Genusses sich im Magen breitmachte. War man auf den Geschmack vorbereitet, kostete man erst vorsichtig und regulierte dann anhand der Beilagenmenge den Säure- und Schärfegrad. Es waren die satten Achtziger, der Sonntag war heilig, der Rosenkohl glänzte vor Butter und zum Nachtisch gab es für die Erwachsenen Heiße Liebe aus Tiefkühlobst und Vanilleeis mit Himbeergeist und für die Kinder Wackelpeter mit Vanillesoße.

Koch doch mal was Deutsches, verlangte mein Mann. Gut, sagte ich, diese Woche gibt es Sauerbraten und nächste Woche Königsberger Klopse. Ich zögerte. Die Urgroßmutter war seit siebzehn Jahren tot, die Großmutter in den Wirren diverser Familienstreitigkeiten verschwunden und meine Mutter wies weit von sich, je eingeweiht gewesen zu sein, überließ mir dann aber ein kleines Bratenstück vom Rind. Ich fand in einem Gewürzregal im Supermarkt eine Sauerbratenmischung und hielt mich an die Packungsanweisung. Den Bratensud würzte ich mit Sojasoße statt mit Essig. Es war Sonntag, das Baby schlief unter dem Küchenfenster, der Braten köchelte auf dem Herd vor sich hin und ich war nervöser als an unserem Hochzeitstag. Als Beilage servierte ich Tagliatelle – ich wollte nicht übertreiben. Mein Mann aß seine Portion auf und nahm den Rest am nächsten Tag mit in die Arbeit. Ich war beruhigt.

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