Frau K. frittiert

Es war Weihnachten. Es war sogar weißes Weihnachten. So richtig, mit frischem Schnee und klarer Luft und Eisschollen vor der Tür. Es war mein erstes Weihnachten ohne meine Familie – in einem Wirrwar unerwarteter Schwangerschaften, lange erwarteter Prüfungstermine und der immer wieder erwartbaren überzogenen Erwartungen waren sie alle miteinander ins Ausland verschwunden, nicht ohne den unerwarteten Kindsvater vom Entfernen seines Piercings zu überzeugen, bevor ihn ein übereifriger süditalienischer Verwandter am Ochsenring neben der Haustür festketten konnte. Ich wälzte in einer verlassenen Wohngemeinschaft trübsinnige Bücher über machtbesessene Despoten der frühen Neuzeit, rauchte viel, trank noch mehr, und litt zu allem Überfluss an grauenvollem Liebeskummer. Am Tag vor Heiligabend fuhr ich in eine weitere verlassene Wohnung, um in einer noch trübsinnigeren Umgebung an einem Klassentreffen teilzunehmen. Immerhin war ich klug genug, der Welt beste Begleitung mitzunehmen, allerdings heiterte uns das zugegebenermaßen ziemlich verkrampfte Event auf, und auf der Rückfahrt über eine menschenleere Autobahn stellte der Welt beste Begleitung zu lautem R&B fest, dass meine andauernde Fröhlichkeit doch verwunderlich sei angesichts dieser – ich wiederhole mich – trübsinnigen Herkunftsgegend. Allgemein war die Stimmung an Heiligabend ziemlich….genau, trübsinnig. Wir taten das einzig Richtige. Gegen 17 Uhr am Heiligen Abend brezelte ich mich auf und ging zu einem herzerwärmenden Abendessen bei einer wahrhaft heiligen Familie von der anderen Seite des Meeres, die zu Kerzenschein gefüllte Krautwickel servierte. Anschließend gaben wir uns die volle Dröhnung Weihnachten in der christlichsten aller deutschen Christmetten und torkelten weihrauchbedröhnt nach Hause, wo mich die Stille verlassener Topfpflanzen und der bläuliche Bildschirmhohn herzlicher Festtagsgrüße erwartete. Am nächsten Tag hatte ich Mühe aufzustehen, und als am Nachmittag die Welt beste Gesellschaft herein schneite, begann ich aus Verzweiflung zu frittieren. Jawohl. Das magische F-Wort.

Ich hatte Sehnsucht nach der Art von Heimat, die nach in Olivenöl ausgebackenen Hühnerschnitzelchen roch, nach frittierten polpettine, die stundenlang in Tomatensoße geköchelt hatten, nach in blubberndem Öl schwimmenden panzerotti, nach lauwarmen arancini in einer Papiertüte am lungomare, unter der Art von Weihnachtsbeleuchtung, die Epileptikern und Kreislaufschwachen schaden kann wie 3D-Filme im Kino.
Also begann ich mit Fleischklößchen, polpettine. Als sie kochten, ging ich zu cevapi über. Aus dem verbliebenen bereits angemachten Hackfleisch mit Zwiebeln und Knoblauch machte ich gefüllte Frikadellen, die in der Mitte Schafskäse weinten und außen knusprige Tomatenbrösel verloren. Es war immer noch Hackfleisch übrig. Zwischen zwei Zigaretten setzte ich einen Topf Reis auf. Während wir die polpettine nur mit Brot aßen und die Soße mit Brot aufwischten, kühlte der Reis ab. Ich briet das Hackfleisch an, mischte es mit Mozarellaflöckchen und einem Rest Schafskäse und brachte den nächsten Topf Öl zum Brodeln. Wir lüfteten mehrmals, um Rauch und Fett entweichen zu lassen, aber die Nachbarn störte es nicht. Hackfleisch und Mozarelle formte ich zu haselnussgroßen Kugeln, drum herum pappte ich den Reis, all das wälze ich in Ei und Paniermehl und wieder in Ei, dann warf ich es nonchalant ins Öl. Die zweite Flasche Weihnachtswein war leer, die Welt draußen existierte nicht mehr, ich frittierte gegen den Herzschmerz, gegen die glücklichen Familien, für die Völkerfreundschaft, für die Freundschaft aller Frauen an Fritteusen. Die arancini wurden perfekt – knusprig außen, ganz zart innen, und was wir übrigließen, rollten wir in Alufolie und transportierten die Kugeln wie zerbrechliche Tennisbälle in den Taschen unserer Wintermäntel einen vereisten Berg hinunter zur wahrhaft heiligen Familie, als Ausgleich für die Krautwickel und als Zeichen der Völkerfreundschaft an den Fritteusen.

Ich duschte, bis ich müde war, wusch mir mehrfach die Haare, wusch Kleidung und alle in der Küche befindlichen Textilien, wusch die Fliesen mit Essig, wischte mit Küchenrolle Fett und Nikotin vom blechernen Lampenschirm und verstaute im leeren Kühlschrank diverse Überbleibsel. Am nächsten Tag roch man in der eiskalten Küche noch einen Hauch Frittierfett, ich teilte mir die restlichen Frikadellen mit dem Fürsten und hinterließ Fettflecken an Ivans Sterbebett. „Ich geh frittieren“ wurde zum geflügelten Wort für jegliche Versuche, Heimweh und/oder Einsamkeit am Herd zu bekämpfen.

Arancini habe ich seitdem nie wieder gemacht.
Frau K. kommt aus der Nähe von M. schreibt sehr gerne. Und Frau K. aus M. kocht sehr gerne. Und am liebsten schreibt Frau K. aus der nähe von M. übers Kochen. Leider traut sich Frau K. aus der nähe von M.  nicht selbst einen Blog zu erstellen und ihre Texte online zu stellen. Deswegen bekommt sie bei mir nun die Gelegenheit ihre Texte vorzustellen.
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